Gastbeitrag von Felix Sühlmann-Faul | Dematerialisierung alleine genügt nicht


Digitalisierung birgt Nachhaltigkeitspotenziale. Das Beispiel Streaming zeigt, dass die Art der Nutzung aber entscheidet, ob tatsächlich Nachhaltigkeit oder zusätzliche Umweltschädigung entsteht.

Aktualisiert: 20.07.2018

Felix Sühlmann-Faul | Techniksoziologe mit Spezialisierung auf Digitalisierung und Nachhaltigkeit
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Prognose des globalen Datendurchsatzes in 2021
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Autor: Felix Sühlmann-Faul, Soziologik

Beim Streaming von Audio- und Videoinhalten handelt es sich um einen typischen Bereich der Digitalisierung. Hier kommt ein entscheidendes Nachhaltigkeitspotenzial zur Geltung – Stichwort: Dematerialisierung. In vielen Bereichen kann Digitalisierung den Einsatz von physischen Objekten reduzieren und so den ökologischen Impact in Form von Energie- und Umweltverbrauch reduzieren. Wenn weniger Objekte produziert werden müssen, kann diese Energie eingespart werden. In Folge fällt weniger Müll an.

Als Beispiel für die möglichen Ersparnisse soll eine Fachkonferenz dienen. Hier wird viel Energie für Klimatisierung oder dicke Konferenzbände aufgewendet. Von dieser Energie und folglich auch den Emissionen können aber durch Digitalisierung einiges eingespart werden: z.B. gibt es die Vortragsunterlagen als Download und Vorträge als Videokonferenzen. Das spart den größten Faktor: Die Anreisen der Teilnehmenden erzeugen am meisten CO2[1].

Film per Stream schlägt Autofahrt zur Videothek

Das Nachhaltigkeitspotenzial der Dematerialisierung zeigt sich auch im Streaming. Hier müssen Filme nicht mehr auf einen physischen Datenträger gebannt werden und der Transport fällt weg. Dass das einen Vorteil im Bereich der Ökobilanz bringt, konnte in einer Studie von 2014 gezeigt werden. Die Forscher fanden heraus, dass ein Film per Stream zu schauen im Vergleich zur Autofahrt zur Videothek oder dem Kauf im Laden rund ein Drittel weniger CO2 erzeugt[2].

Aber: Das Nachhaltigkeitspotenzial ist äußerst relativ. Wenn dem aktuellen Trend des ‚Binge Watchings‘ – zu Deutsch etwa ‚Komaglotzen‘ – gefolgt wird, sieht die Ökobilanz sehr viel schlechter aus. Der übermäßige Konsum von Streaming-Inhalten, indem etwa an einem Wochenende mehrere Staffeln einer Serie hintereinander weggeschaut werden, erzeugt einen deutlichen C02-Fußabdruck.

Der globale Datendurchsatz steigt

Wie kommt das? Die Knotenpunkte des Internets sind (Computer-)Server, deren Aufgabe es ist, Daten zu verteilen und bereitzustellen. Zusammen bilden diese Servergruppen ein Daten- oder Rechenzentrum. Jeder Internetkauf, jede Suchmaschinenanfrage und jede E-Mail wandern von Datenzentrum zu Datenzentrum und passieren dabei Tausende von Servern – mit steigender Tendenz: Während 1992 der globale Datendurchsatz bei 100 GB pro Tag lag, erreichte er 2002 bereits 100 GB pro Sekunde. Die Prognose für das Jahr 2021 liegt bei knapp 106.000 GB pro Sekunde[3].

Audiovisuelle Inhalte heizen den Datenverkehr an

Qualitativ hat sich in den vergangenen Jahren dabei deutlich die Zusammensetzung des Datenstroms verändert. Im Bereich der privaten Internet-Nutzung ist die audiovisuelle Unterhaltung heute der wichtigste Treiber der Nachfrage nach Bandbreite und erzeugt die größte Menge an Datenverkehr im Internet[4]. 2021 wird sich laut dem amerikanischen Internetriesen Cisco der Datenverkehr zu knapp 82 Prozent aus Videostreaming zusammensetzen. Eine andere Prognose geht davon aus, dass sich die Zahl von aktuell 200 Millionen Nutzer von Anbietern wie Netflix, Hulu oder Amazon Prime Video weltweit bis ins Jahr 2022 auf 400 Millionen verdoppeln[5] wird.

Niedrige Schwelle, erhöhter Konsum

Dazu kommt, dass die Video-On-Demand-Services eine große Menge niedrigschwelliger Konsumchancen bieten. Das bedeutet: die Mitgliedschaft und die Nutzung dieser Dienste ist schnell, einfach und ohne besondere technische Fertigkeit im Handumdrehen zu bewerkstelligen. Und diese Einfachheit lädt zu einem deutlich höheren Umfang an Konsum ein. Der Umweltschaden durch den Energieverbrauch ist dabei weder weithin bekannt noch in irgendeiner Form direkt ersichtlich.

Wie macht sich das auf Ebene von Treibhausgasen und Energieverbrauch bemerkbar? Laut dem Freiburger Öko-Institut liegt der CO2-Abdruck der Herstellung und Nutzung  Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) auf Ebene des Flugverkehrs, also bei 2 Prozent des menschlich erzeugten Gesamtaufkommens[6]. Der anteilige CO2-Ausstoß von Rechenzentren ist noch vergleichsweise klein, steigt aber pro Jahr um mehr als 10 Prozent.

Der Energieverbrauch durch Nutzung und Herstellung von IKT liegt bei ca. 12 Prozent des Gesamtverbrauchs an elektrischer Energie. Die Rechenzentren haben aktuell daran einen Anteil von 21 Prozent, der – wie gezeigt - hauptsächlich durch das Streamen von Video-Inhalten erzeugt wird[7]. Nach einer Prognose der TU Dresden wird der Verbrauch elektrischer Energie durch IKT im Jahr 2030 so hoch sein wie der aktuelle Stromverbrauch der Weltbevölkerung[8].

Verhalten führt zu schlechter Ökobilanz

Fassen wir an dieser Stelle kurz zusammen: Eine wichtige Chance für mehr Nachhaltigkeit durch Digitalisierung liegt in der Dematerialisierung, also der reduzierten Erzeugung und Nutzung physischer Materialien. Dazu gehört auch das Streaming von Filmen, Serien und Videos. Das Streaming eines einzelnen Films hat eine bessere Ökobilanz als die Autofahrt zur Videothek für das Ausleihen einer DVD. Problematisch ist nur, dass die Niedrigschwelligkeit der Video-On-Demand-Dienste wie Netflix dazu einladen, deutlich mehr als einen Film zu schauen – vielmehr scheint das übermäßige Konsumieren ganzer Staffeln von Serien am Stück eine Art Sport geworden zu sein. Dies erzeugt eine schlechte Ökobilanz, da die Streaming-Inhalte von Datenzentren geliefert werden, deren Energieverbrauch und folglich deren Emissionen jährlich steigen.

Filmgenuss per Stream mit Augenmaß

Digitalisierung erzeugt ein hohes Maß an Effizienz. Das umfasst allgemein den sparsamen Einsatz der Mittel (Geld, Zeit, Energie, Rohstoff) zur Herstellung bzw. Erreichung eines Ziels und ist damit ein wichtiger Faktor der Nachhaltigkeit. Effizienz alleine genügt jedoch nicht. Effizienz muss notwendigerweise gleichzeitig mit Suffizienz – der Reduzierung von Energie- und Rohstoffverbrauch und der Einschränkung des Lebensstils – zum Tragen kommen. Nur eine erhöhte Effizienz in Kombination mit gleichzeitigem, suffizientem Verhalten ist in der Lage, nennenswerte nachhaltige Effekte hinreichend zu bewirken. Das bedeutet für uns: Nichts spricht gegen den Filmgenuss per Stream. Dieser kann sogar nachhaltig sein, wenn sich der Konsum im Rahmen hält. Es muss jedoch an den Nachhaltigkeitsfaktor der Suffizienz gedacht werden. Das ist nachhaltige Digitalisierung, die Energie spart und Emissionen reduziert.

Unsere Umwelt kann als Allmende betrachtet werden – als gemeinschaftlich bewirtschaftete Weide. Allmenden werden häufig übernutzt, da sämtliche Viehbesitzer*innen ihre Tiere aus Eigennutz tendenziell zu lange grasen lassen. Dadurch steht auf Allmenden häufig zu wenig Gras und die Tiere sind häufig zu mager. Die Viehbesitzer*innen schädigen einander durch unnachhaltiges Verhalten[9]. Auf unsere Umwelt bezogen bedeutet das: Jeder einzelne Mensch ist für den Schutz unseres Lebensraums mitverantwortlich. ‚Ein bisschen Übernutzung‘ summiert sich schnell zu einem globalen Problem.

[1] Vgl. Murugesan 2010, Smith 2013 und Hilty 2002 [6] Vgl. oeko.de
[2] Vgl. Shehabi / Walker / Massanet 2014 [7] Vgl. Finley 2015
[3] Vgl. cisco.com [8] Vgl. Clauß 2011
[4] Vgl. Lohmann / Hilty / Behrendt et al. 2015: 23 [9] Vgl. Diekmann / Preisendörfer 2001: 78ff.
[5] Vgl. de.statista.com

ÜBER DEN AUTOR

Der Techniksoziologe Felix Sühlmann-Faul forscht seit ca. drei Jahren im Bereich Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Zuletzt verfasste er eine Studie zu den Nachhaltigkeitsdefiziten der Digitalisierung und möglichen Handlungsempfehlungen im Auftrag des WWF Deutschland und der Robert Bosch Stiftung.

Kurze Zusammenfassung
Ausführliche Zusammenfassung
Komplette Studie

 

Quellen

Behrendt, Siegfried / Göll, Edgar / Korte, Friederike 2016: Effizienz, Konsistenz, Suffizienz. Strategieanalytische Betrachtung für eine Green Economy, Inputpapier, März 2016; Borderstep Institut, Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung, Adelphi; evolution2green.de/sites/evolution2green.de/files/documents/evolution2green_inputpapier_effizient_konsisten_suffizienz.pdf
 
cisco.com/c/en/us/solutions/collateral/service-provider/visual-networking-index-vni/vni-hyperconnectivity-wp.html#_Toc484556817
 
Clauß, Ulrich 2011: Das Internet als Klimakiller; m.welt.de/print/die_welt/wissen/article13392674/Das-Internet-als-Klimakiller.html
 
de.statista.com/outlook/201/100/video-on-demand/weltweit#market-users
 
Diekmann, Andreas / Preisendörfer, Peter 2001: Umweltsoziologie. Eine Einführung, Reinbek bei Hamburg
 
Finley, Kent 2015: Your Binge-Watching is Making the Planet Warmer; wired.com/2015/05/binge-watching-making-planet-warmer/
 
Hilty, Lorenz 2002: Sustainable Development and the Information Society, in: Brunnstein, Klaus und Berleur, Jacques (Hrsg.): Human Choice and Computers, The International Federation for Information Processing, Volume 98, Heidelberg, 305-315
 
Huber, Joseph 2000: Industrielle Ökologie: Konsistenz, Effizienz und Suffizienz in zyklusanalytischer Betrachtung. Konferenzbeitrag. Baden Baden, 2000. URN: nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0168-ssoar-121622
 
Lohmann, Wolfgang / Hilty, Lorenz / Behrendt, Siegfried et al. 2015: Grüne Software - Schlussbericht zum Vorhaben: Ermittlung und Erschließung von Umweltschutzpotenzialen der Informations- und Kommunikationstechnik (Green IT), TV3: Potenzialanalyse zur Ressourcenschonung optimierter Softwareentwicklung und -einsatz, Dessau-Roßlau
 
Murugesan, San 2010: Strategies for Greening Enterprise IT: Creating Business Value and Contributing to Environmental Sustainability, in: Unhelkar, Bhuvan: Handbook of Research on Green ICT: Technology, Business and Social Perspectives, IGI Global: 51-64
 
oeko.de/forschung-beratung/themen/nachhaltiger-konsum/it-und-telekommunikation/
 
Shehabi, Arman / Walker, Ben / Massanet, Eric 2014: The energy and greenhouse-gas implications of internet video streaming in the United States; iopscience.iop.org/article/10.1088/1748-9326/9/5/054007/pdf 
 
Smith, Bud E. 2013: Green Computing: Tools and Techniques for Saving Energy, Money and Resources, CRC Press: 54
 
Zwick, Michael M. 2002: Umweltgefährdung, Umweltwahrnehmung, Umweltverhalten - Was erklären Wertorientierungen?, in: Rink, Dieter (Hrsg.): Lebensstile und Nachhaltigkeit, Berlin / Heidelberg / Wiesbaden, 95-116

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