Wie können uns neue Ideen durch die Coronazeit helfen und wie verändert Corona unsere Arbeitswelt?


Sonderreihe Teil 2 | Eine Einordnung von aktuellen Trends in das New-Work-Konzept, und welche Chancen mit dem Wandel durch Corona möglich werden könnten.

Teil 2 der Blogserie Arbeitswelt - mit Schwerpunkt auf New Work
Teil 2 der Blogserie Arbeitswelt - mit Schwerpunkt auf New Work
© nachhalitg.digital / Marie-Pascale Gafinen

Vor kurzem haben wir in unserer Sonderreihe New Work & Green IT die Coronakrise als “experimentelles Innovationsfenster” bezeichnet und dazu angeregt darüber nachzudenken, wie wir schon jetzt die Weichen für nachhaltige Veränderungen auch über diese Ausnahmesituation hinaus stellen können. Nachdem wir im ersten Teil unserer Sonderreihe den Fokus auf Tipps und Erfahrungen aus der Praxis gelegt haben, sollen nun im zweiten Teil Fragen rund um unsere Arbeitswelt im Fokus stehen: Welche Veränderungen bewirkt die Krise in unserer Arbeitswelt? Wird ein Kulturwandel in Richtung einer neuen Arbeitswelt dadurch beflügelt? Und welche Rolle spielt in diesem Prozess die Nachhaltigkeit?

In diesem Beitrag möchten wir zunächst einige Begrifflichkeiten einordnen, auf die Bedeutung der Unternehmenskultur eingehen und zuletzt einige Tipps geben, wie auch das Homeoffice nachhaltiger gestaltet werden kann.

"Arbeiten aus dem HomeOffice ist nicht automatisch mit New Work gleichzusetzen"

Anna Yona, Gründerin von Wildling, bringt es in ihrem Gastbeitrag treffend auf den Punkt: „Arbeiten aus dem Homeoffice ist nicht automatisch mit New Work gleichzusetzen.“ Denn New Work ist ein deutlich breiteres Konzept und Homeoffice ist dabei nur einer der möglichen neuen Ansätze zur Gestaltung von Arbeit. Homeoffice ist genaugenommen eine Ausgestaltung des Remote Work, der sogenannten Fernarbeit. Zu dieser Arbeitsform zählen auch die alternierende Telearbeit, bei der man zeitweise im Büro und an einem anderen Ort arbeitet, und die mobile Telearbeit, bei der die Mitarbeitenden von unterwegs arbeiten. Die häufigste Form des Remote Work war bisher die alternierende Telearbeit - auch bekannt als Homeoffice - mit der Möglichkeit, dass Mitarbeitende einzelne Tage der Woche von zu Hause aus arbeiten.

Andere Arbeitsmodelle, die auch zur New-Work-Bewegung gezählt werden, umfassen Jobsharing (Arbeitsplatzteilung), Jobrotation (systematischer Arbeitsplatz- oder Aufgabenwechsel), agile Teams, die in wechselnder Besetzung arbeiten, oder auch die Abschaffung von Hierarchien. Häufig sind junge Unternehmen oder Startups Vorreiter in diesen Bereichen, aber auch in größeren und mittelständischen Unternehmen halten neue Arbeitsmodelle Einzug. Jedoch verzeichnet Homeoffice in der aktuellen Situation vermutlich am meisten Zuwachs und stößt damit auch weiteren Kulturwandel an.

Für den Begründer der New-Work-Bewegung Frithjof Bergmann waren in den 80er Jahren die zentralen Werte dieses „neuen Arbeitens“ Freiheit, Selbstständigkeit und Teilhabe an der Gemeinschaft. Mittlerweile wird der Begriff New Work weitergefasst und als „Synonym für innovative Ansätze der Arbeitsgestaltung“1 verstanden und beinhaltet einen grundsätzlichen Perspektivwechsel auf die Arbeitswelt und Organisationsstrukturen.

Eine entscheidende Rolle spielt bei diesen Veränderungen die Unternehmenskultur. Denn diese reflektiert die Einstellung von Unternehmen bzw. Organisationen gegenüber Themen wie Wertschätzung der Mitarbeitenden, Selbstbestimmung sowie größeren Freiräumen und Gestaltungsmöglichkeiten der Mitarbeitenden. Daher überrascht es nicht, dass etwa Homeoffice häufig bereits in Unternehmen etabliert ist, in denen die Werte, die mit der New-Work-Bewegung verbunden werden, bereits gelebt werden oder ein Kulturwandel eingeleitet wurde.

Die Krise als Chance begreifen

In der jetzigen Krisensituation wird der übliche Prozess der Einführung von neuen Arbeitsmodellen – zunächst die ersten Schritte eines Kulturwandels und dadurch ein Wandel in den Arbeitsmodellen – auf den Kopf gestellt. Denn praktisch über Nacht mussten sich in ganz Deutschland Mitarbeitende und Führungskräfte auf Homeoffice für unbekannte Zeit einstellen. Die Homeoffice-Neulinge erwartet dabei eine steile Lernkurve. Aber auch diejenigen, die bereits häufiger oder regelmäßig im Homeoffice gearbeitet haben, werden vor komplett neue Herausforderungen gestellt. Anfängliche Schwierigkeiten und Probleme sind in solchen Phasen ganz normal und verständlich. Und auch wenn sich die meisten Prozesse mittlerweile eingependelt haben, so kann das dauerhafte zu Hause arbeiten auch eine psychische Belastung darstellen.

Wir möchten dazu anregen, diese Krise und diesen Wandel in der Arbeitswelt vor allem als Chance zu begreifen. Als Chance zum Umdenken, Ausprobieren und Kennenlernen alternativer Arbeitsmodelle. In Deutschland wird bisher in weiten Teilen Anwesenheit mit Leistung und Einsatz gleichgesetzt: Laut einer Bitkom-Studie von 2019 geben 58 % der Befragten, die sich gegen Homeoffice in ihren Unternehmen entschieden haben, als Begründung an, dass ohne den direkten Austausch mit den Kolleg*innen die Produktivität der Mitarbeitenden sinken könne. Befragt man die Arbeitnehmerseite, gehen laut einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (Download) 68 % der Beschäftigten davon aus, die eigene Anwesenheit sei den Vorgesetzen wichtig.

So überrascht es nicht, dass bisher nur jedes vierte Unternehmen Homeoffice als Möglichkeit angeboten hat. Mit der Coronakrise werden sich diese Zahlen womöglich deutlich steigern. Die positiven Erfahrungen mit Homeoffice haben schon jetzt gezeigt, dass diese Arbeitsform in viel mehr Bereichen umsetzbar ist, als es noch vor kurzer Zeit in den Unternehmen möglich schien. Durch die Umstellung auf Homeoffice können Vorurteile gegenüber New Work abgebaut und mehr Vertrauen in die eigenen Mitarbeitenden aufgebaut werden. Ein vollständiges Zurückkehren zu den Arbeitsmodellen vor Corona erscheint damit unwahrscheinlich. Es spricht einiges dafür, dass wir - wie Leonie Müller in ihrem Gastbeitrag beschreibt - eine digitale Kultur brauchen, in der Experimentierfreudigkeit ein zentrales Element ist.

Es wird kein Boss, sondern ein Leader gebraucht

Die Umstellungen innerhalb der Arbeitswelt bedeuten auch für die Rolle der Führungskräfte eine Veränderung. Wir werden immer weiter wegkommen vom klassischen „Boss“, dessen Hauptrolle in der Kontrolle der Mitarbeitenden bestand. In der jetzigen Situation werden andere Qualitäten gebraucht. Ein „Leader“ wiederum ist Teil seines Teams, fordert und fördert und hat Vertrauen in die Fähigkeiten seiner Mitarbeitenden. Eine solche Führungskraft ruft bei seinen oder ihren Mitarbeitenden an, nicht um zu überprüfen, ob die Arbeitszeiten auf die Minute genau eingehalten werden, sondern um zu erfahren, wie die Person mit der Situation klarkommt und ob sie in einem Bereich noch Unterstützung benötigt. Mehr zu den Mehrwerten und dem einhergehenden Kulturwandel erfahren Sie auch im Gastbeitrag von Prof. Dr. André Reichel

Eine weitere Umstellung zurzeit ist der Wegfall von Dienstreisen. Die Kontakteinschränkungen zeigen uns in vielen Fällen auf, dass nicht jede Dienstreise notwendig ist. Viele Treffen können virtuell stattfinden, auch wenn klar ist, dass diese „echte“ Treffen nicht eins zu eins ersetzen können. Nach einem Vormittag voller Telefonkonferenzen und Video-Chats, wird uns bewusst, dass virtuelle Treffen unsere Konzentrationsfähigkeit stärker herausfordern als „reale“ Treffen. Gemeinsame Konventionen erleichtern daher virtuelle Meetings deutlich. Einige Punkte, die auch Klimaschutzpotenziale aufweisen, haben wir in unserer Checkliste zusammengefasst.

Obwohl auch virtuelle Meetings Datenströme und damit CO2 verursachen, bedeutet jede vermiedene Dienstreise die Vermeidung von CO2-Ausstoß. Und jeder Tag, an dem das Auto aufgrund von Arbeiten im Homeoffice stehen gelassen wird, ist ein Tag, an dem wir nicht zu den sonst allgegenwärtigen Staus beitragen. Allein der Zeitgewinn durch die Einsparung langer Arbeitswege bringt ein Mehr an Lebensqualität mit sich.

Tipps für ein nachhaltigeres Homeoffice

Selbst im Homeoffice gibt es einige Punkte, die jede*r zusätzlich beachten kann, um den eigenen CO2-Austoß zu reduzieren. Wie der CO2-Fußabdruck der virtuellen Zusammenarbeit minimiert werden kann, behandeln wir im folgenden Schwerpunkt zu Green IT. Die folgenden Hinweise mögen zunächst sehr banal erscheinen, aber so macht doch jede einzelne Handlung einen Unterschied:

  • Umstellung der Suchmaschine auf nachhaltige Alternativen wie Ecosia.org oder Gexsi.com
  • Bei der Neuanschaffung von Geräten und Möbeln auf gebrauchte Geräte setzen wie sie zum Beispiel von Refurbed oder Office4Sale angeboten werden
  • Wechsel zu einem grünen Stromanbieter
  • Vermeidung von Ausdrucken soweit möglich, wenn notwendig Recycling-Papier oder die Rückseite von Ausdrucken nutzen
  • Programme zum nachhaltigeren Drucken nutzen, bei denen man entscheiden kann, welche Bereiche gedruckt werden sollen
  • Ausschalten des Monitors und Aktivierung des Ruhezustands am Computer, wenn Pausen gemacht werden
  • Computer am Ende des Arbeitstages vom Strom nehmen

Bei allen kleineren und größeren Veränderungen möchten wir mit den folgenden Beiträgen dazu anregen, die Coronakrise und die erzwungene Entschleunigung als Chance zu betrachten. Um in uns zu gehen und uns zu fragen, welche Form der Zusammenarbeit wir uns wünschen, wie unsere Wirtschaft aussehen könnte und was nach der Coronakrise von diesem Veränderungswillen bleibt.

Wie sich durch Corona unsere Arbeitswelt verändern wird - und wie wir die Krise als Chance für nachhaltigen Wandel nutzen können

 
   Dieser Beitrag ist in der Sonderreihe Arbeitswelt zum Schwerpunkt "New Work" erschienen. Eine Übersicht aller Beiträge der Sonderreihe finden Sie hier.

Aktualisiert: 22.04.2020

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